»Die Welt will geblendet sein.«

Veröffentlicht: 17. Mai 2010 in Theater

Schein, Betrug, Fantasie und Schauspiel sind der Stoff, aus dem Thomas Manns letzter und unvollendeter Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ gemacht ist.Felix Krull, ein Genie an Hochstapelei, der mit verführerischen Gaben und Talenten versehen ist, und dem alles, Erfolg und Glück, mühelos zufällt, ist eine der liebenswürdigsten und frechsten Gestalten europäischer Literatur. Der Sprössling eines bankrotten Schaumweinfabrikanten lässt auf seine alten Tage sein Leben Revue passieren – er will Bekenntnis ablegen über sein einstiges Doppelleben. Er erzählt vom Werdegang seiner kriminell-erotischen Delikte, von dem virtuosen Simulieren bei der Musterung vor der Militärkommission, den heiklen Abenteuern als Liftboy in einem Pariser Grand-Hotel sowie als gelehriger Schüler in einer amourösen Affäre mit einer masochistischen Schriftstellerin, die eigentlich mit Toilettensitzen reich geworden ist. Thomas Mann, der über 40 Jahre an diesem humoristischen Werk arbeitete und es dennoch nie beendete, schildert in Felix Krull den eigenen künstlerischen Narzissmus und zugleich ein homoerotisch ersehntes Selbst-Ideal.

Am Theater Aachen hat Ann-Marie Arioli  eine Fassung, eigens für den Schauspieler Heino Cohrs eingerichtet.

Er schlüpft in die Rolle des gealterten Felix Krull und erzählt in Memoirenform die Geschichte seines Lebens. Mit Schalk in den Augen und einem verschmitzten Lächeln in den Mundwinkeln bekennt er die Taten als Hochstabler. Es gibt wohl wenige Schauspieler wie Heino Chors, der als Doyen des Theaters gilt. Mit 87 Jahren ist Heino Chors immer noch ein faszinierender Schauspieler. Mühelos bewegt er sich über die Bühne – von Tattrigkeit keine Spur. Insgeheim mag sich so mancher Zuschauer gewünscht haben, es wäre der eigene Großvater, der hoch oben auf der Bühne von solch einem spannenden Leben erzählt.
Das Stück wird als eine Art theatralisch-dramatische Erzählung inszeniert.

Wer jedoch eine buchgetreue Aufführung erwartet, muss enttäuscht werden. Das Stück ist radikal verkürzt und fragmentiert. Das Leben eines Hochstaplers muss Fragment bleiben, weil am Ende immer die Wahrheit steht. Bei Felix Krull aber gibt es keine Wahrheit. Keine, die wir hören wollen. Wir wollen doch geblendet sein.

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