Der Stein Schauspiel von Marius von Mayenburg

Veröffentlicht: 17. Mai 2010 in Theater

Die Wahrheit der Großmutter Witha ist in ihrem Gedächtnis eingelagert wie radioaktiver Müll in einem vermeintlichen Endlager. Was für eine Ewigkeit halten sollte, ist schon nach 60 Jahren am Ende. Über drei Generationen war Witha versucht alles da zu lassen, wo sie es haben wollte – in einem Stollen der Reminiszenz. Doch hochkorrosive Erinnerungen kommen der alten Damen als sie, zusammen mit ihrer Tochter Heidrun und ihrer Enkelin Hannah, nach der Wiedervereinigung in ihr altes Haus in Dresden zurückzieht.

Das Haus birgt eine rätselhafte korrodierende Vergangenheit, die es nun gilt ans Tageslicht zu befördern – bevor der Stollen ganz einbricht.  Denn dieser hat mittlerweile grobe Risse, durch die allmählich kontaminierende Wahrheitsbruchstücke Durchsickern. Sollte die ganze Wahrheit ans Tageslicht gelangen, wäre in dieser Familie nichts mehr wie es einmal war.

Der idealisierte Großvater wäre kein Held mehr, der Juden geholfen hat, sondern nur noch ein raffgieriger ausbeuterischer Nazi. Es wären auch nicht die Kugeln der Russen, die ihn getötet hatten, sondern sein schlechtes Gewissen, das ihn in den Suizid trieb. Die Großmutter bekam nie das Bundesverdienstkreuz verliehen, sondern einen Nazi-Orden.

„Der Stein“ erzählt von der Schwierigkeit die Verantwortung für die Vergangenheit ins Bewusstsein zu heben. Dieser Vorgang offenbart offene und wunde Stellen. Mit einer raffinierten Zeitsprung-Dramaturgie inszeniert Marius von Mayenburg ein Stück über die Unfähigkeit Verbrechen der Vergangenheit einzugestehen und Verantwortung dafür zu übernehmen. In chronologischer Reihenfolge erzählt, wäre das Stück nur einer weitere Familiensaga. Doch durch den Einsatz von Flashbacks kommen alle wichtigen Akteure aus verschiedenen Zeitebenen zu Wort und geben ein authentisches Bild von den Situationen der Protagonisten. Es ist somit Aufgabe des Zuschauers das Puzzle der Erinnerungen zusammenzusetzen und die Geschichte zusammenzufügen.

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