Nationalsozialismus als Ersatzreligion

Veröffentlicht: 17. Mai 2010 in Aachen, Allgemein

Aachen. Es ist jetzt nun mehr als 14 Jahre her, dass die Aachener RWTH in einen etwas peinlichen Skandal geraten ist, als sich herausstellte, dass ihr ehemaliger und hoch angesehener Rektor Hans Schwerte zur Zeit des Nationalsozialismus als hoher SS-Wissenschaftler unter einem anderen Namen und anderer Identität sich profiliert hatte. Zur Aufdeckung dieses Identitätswechsels trug maßgeblich die Dissertationsschrift von Pfarrer Josef Thomik, unter der Leitung von Prof. Hugo Dysernick (damaliger Ordninarius für Komparatistik an der RWTH Aachen), bei.

Ansatz dieser Arbeit war das Interesse von Pfarrer Thomik, das Verhältnis von Nationalsozialismus und katholischer Kirche zu untersuchen In seiner Schrift weist der Verfasser nach, wie die NS-Machthaber religiöse Bilder für ihre politisch-ideologischen Zwecke nutzten. Dabei untersuchte Thomik als vergleichender Literaturwissenschaftler die im SS-Umfeld zwischen 1935-1944 erschienenen Zeitschriften «Weltliteratur» und «Die Weltliteratur» als Träger nationalsozialistischer Ideologien. Für die Komparatistik, der vergleichenden Literaturwissenschaft war es in diesem Zusammenhang besonders interessant herauszufinden, was im nationalsozialistischen Kontext „Weltliteratur“ in Hinsicht auf fremdsprachige Literaten bedeuten mochte. Das Problem, das Thomik als Theologe und Priester in diesem Zusammenhang besonders beschäftigte, war die Art und Weise, wie in theoretischen Konzepten des Nationalsozialismus Elemente des Religiösen aufgegriffen und zu heterogenen politisch-ideologischen Zwecken benutzt wurden.

Die Recherchen des Doktoranden ergaben,dass ab 1941 als Schriftleiter ein gewisser Dr. Hans Ernst Schneider fungierte – eben derjenige, der sich später als identisch mit Hans Schwerte herausstellen sollte. Es kam weiterhin zu Tage, dass Schwerte SS-Offizier und Spitzenmitarbeiter in der SS-Forschungs- und Lehrgemeinschaft „Deutsches Ahnenerbe e.V.“ war, deren primäre Aufgabe darin bestand, den Abstammungsmythos „wissenschaftlich” zu legitimieren. Unter dem Dach des Ahnenerbes gründete sich 1942 das „Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung“, welches maßgeblich für tödliche Menschenversuche an KZ-Häftlingen in den Konzentrationslagern Dachau und Natzweiler verantwortlich waren.

Das Entlarven des ehemaligen SS-Offiziers hatte weitreichende Folgen und führte schlussendlich dazu, dass Thomiks Arbeit weitgehenst behindert wurde. Dabei trägt Thomiks Arbeit maßgeblich dazu bei, die heftig diskutierte Verstrickung Schwertes dokumentarisch zu unterbauen und weiterer Analyse zugänglich zu machen.

Pfarrer Josef Thomik, der genau vor 12 Jahren gestorben ist, konnte sein Projekt nie zu Ende bringen. Deshalb hat der Einhard-Verlag Aachen nun diese nicht vollendete Dissertationsschrift über den Missbrauch religiöser Bilder durch die Nationalsozialisten herausgegeben. Die am Dienstag als Buch vorgestellte Studie trägt den Titel «Nationalsozialismus als Ersatzreligion».
Bearbeitet und herausgegeben wurde das Buch vom ehemaligen Aachener Diözesanbibliothekar Josef Schreier. Thomik war als Priester des Bistums Aachen in Linnich im Kreis Düren tätig. Die Dissertation ist als Taschenbuch erschienen und kostet 14,80 Euro.

Veröffentlicht: Aachener Zeitung

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s