Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr

Veröffentlicht: 17. Mai 2010 in Theater

Aachen. „Und du hast gesagt: Ihr sollt Mama und Papa sein. Und die beiden haben gelächelt. Und du hast gesagt: Ab heute sind wir eine Familie. Ab heute sind wir nie mehr alleine. Ab heute gibt es für uns ein zu Hause. Ab heute wird es nie mehr dunkel sein.“

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit bewegt sich das Experiment, das zwei Kinder mit ihren vermeintlichen Eltern wagen. Die Kinder bestimmen die Regeln und die Verhaltensmuster, die sie gerne an den hochstilisierten Eltern sehen möchten. Vater und Mutter, vermutlich für das Experiment gekidnappte Personen, kuschen, um dem Zorn und der Gewalt der Kinder zu entgehen. Lehnt sich doch einmal ein Elternteil auf, so wird es in seine Schranken verwiesen und ruhig gestellt. Kind F, ein klammerndes, dominantes und zugleich infantiles weibliches Wesen, kämpft zwischen Impulsivität und Instabilität um Aufmerksamkeit und Liebe der Eltern. Während „Kind M“, der „Schizo, der sein Leben nicht gebacken bekommt und gern Familie spielt“ die Figuren der Familie, wie auf einem Schachbrett aufstellt und sie dazu zwingt, ein Spiel von der heilen Welt einer glücklichen Familie vor zu täuschen. Nach und nach wird deutlich, dass hier ein Experiment stattfindet, das ein unerreichbares Ideal zum Ziel hat – und tödliche Gefahren birgt.
Versucht wird ein distanzierter Blick auf familiäre Konstellationen und innerfamiliäre Dynamik.

Die inzestiös anmutende Szene, in der Bruder und Schwester ihre Innigkeit durch Streicheleinheiten sowie einen Kuss verdeutlichen wollen, erinnert den Zuschauer eher an eine Szene aus „Verbotene-Liebe“ und zeigt deutlich, dass  die zwei „Kindern“ (Robert Seiler, Franziska Lehmann) die Pfeiler des Stückgerüsts in Soap-Manier nur vage tragen können.

Die „Mutter“, gespielt von Stefanie Dischinger, strauchelt derweil zwischen Stockholm-Syndrom und Emanzipation.

Kommen anfangs ihre Flash-Backs noch sehr authentisch daher, gerät sie im Verlauf der Inszenierung leider zunehmend ins Hintertreffen. Die Kehrtwende von der Opferrolle in die Opferidentifikation vollzieht sich praktisch von jetzt auf gleich und lässt sich auch rückblickend kaum an einer Szene festmachen, so ausdruckslos wirkt die „Mutter“ neben dem starken „Vater“.

Der Vater, Thomas Hamm, schafft es in stärkerem Maße dem Stück den dringlichen Ernst und die passende Tragik zu verleihen. Am Ende fragt sich der Theaterbesucher jedoch, warum er sich diesen Moral-Masochismus überhaupt angetan hat. Wer sich einfach auf Unterhaltung gefreut hat, muss enttäuscht werden. Zu Vater/Mutter/Kind gehört Gebrüll, Gewalt und Verwirrung. „Was tun wir jetzt? Wir haben uns lieb und sind eine Familie“!

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