Dirty Paradies: Genozid am Amazonas

Veröffentlicht: 2. Oktober 2010 in Allgemein, Film
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Seit jeher ist die Menschheit fasziniert vom glänzenden Edelmetall: Gold weckt Begehrlichkeiten, denn Gold steht für Reichtum und Macht. Einerseits ist es funkelnd, sagenumwoben und anziehend – andererseits selten und aufwendig in der Gewinnung. Ein guter Ausgangspunkt für einen immerfort nachgefragten Rohstoffe…..
Quelle: Daniel Schweizer

…. und für einen kritischen Dokumentarfilm! Denn in Amazonien, auf einem kleinen europäischen Fleck zwischen Surinam und Französisch Guayana, findet zur Zeit eine ökologische Katastrophe statt. Diese Geschichte beleuchtet Daniel Schweizer in seinem «Dirty Paradise». Es geht um die Geschichte des Wayana-Indianerstammes, welcher sich weigert still und gleichgültig zu verschwinden.

Trailer

Mehr Infos zum Film finden Sie hier

 

Gold – nur ein chemisches Element oder doch ein Stück Ewigkeit?

Da Gold meistens in kleinen Partikeln verteilt im Gestein vorkommt, muss es an der Erdoberfläche gewonnen werden. Hierzu wird die Erde großflächig abgetragen. So wird die Landschaft und zugleich das sensible Ökosystem einer Region gestört.  Bodenerosion sowie das Absinken des Grundwasserspiegels sind nur einige der Folgen dieses Prozesses. Die verheerenden Folgen des unkontrollierten Goldabbaus sind lebensbedrohliche Verschlechterung des Ökosystems des Waldes, irreversible Verschmutzung der Flüsse und Verletzung der elementarsten Menschenrechte.

„Es ist eben nicht alles Gold, was glänzt!“

Weitaus unsichtbarer ist das Ausmaß der benutzen Chemikalien, mit denen das Gold von Gestein gelöst wird. Hierzu wird meistens Quecksilber oder Zyanid (Blausäure) verwendet – natürlich gänzlich ohne Rücksicht auf Mensch oder Umwelt. Die giftigen Substanzen  entweichen bei der Gewinnung von Gold und verteilen sich dann unkontrolliert durch Wind und Wasser in der Umgebung. Auch schon der bloße Kontakt von Blausäure mit dem Kohlendioxid der Luft setzt die giftige Chemikalie frei.

Dirty Paradise

Quelle: Daniel Schweizer

Mitten in Amazonien, im französischen Überseegebiet Französisch-Guayana und dessen Grenzzone zu Surinam, spielt sich derzeit eine ungeheure sanitäre und ökologische Katastrophe größten Ausmaßes ab. Dort leben die Wayana, ein südamerikanisches Indianervolk. Ein Teil dieser Ethnie aus dem Amazonasbecken ist in Französisch-Guayana beheimatet und hat damit die französische Staatsbürgerschaft. Das große Unglück dieses Volkes ist es, in einer von illegalen Goldgräbern heimgesuchten Region zu leben.  Eigentlich leben sie in einer paradiesischen Umgebung – wenn da nicht der große Durst der Goldgräber wär, der eine Quecksilber-Katastrophe ohne Gleichen mit sich brachte.

Quelle: Daniel Schweizer

 

Die Ohnmacht

Gold wurde erst 1992 im südlichen Guayana entdeckt. Seither reißt der Strom der Goldgräber, die hier illegal nach Gold schürfen nicht ab. Die Wayaner kämpfen gegen eine Überzahl (1.200 Wayaner gegenüber 11.000 Schürfer) an zumeist brasilianischen Goldgräbern an, die in ihrem Rausch den Regenwald plündern, aber vor allen die Flüsse und Bäche durch Tonnen von Quecksilber verschmutzen. Die Wayaner nehmen das giftige Quecksilber wiederum durch ihre Nahrung auf, die hauptsächlich auf Fisch basiert. Behörden, Armee und Polizei stehen der massiven Einwanderung der illegalen Goldsucher ohnmächtig gegenüber. Die nächst größerer Siedlung zum Wayana-Stamm liegt ca. 5Stunden Bootsfahrt entfernt. Eine Gendarmerie oder gar einen militärischen Stütztpunkt gibt es nicht in der Nähe. Ab und zu patroillieren ein mal einige Soldateneinheiten auf den umliegenden Flüssen – doch vergebens. Die Golgräber sind gut vernetzt in der Region und ihre Späher melden die herantukernden Soldaten, schneller als jede Pirogge im Stande ist zu fahren. Nur selten werden die Schürfer von der Gendarmerie festgesetzt. Der Goldrausch hat die Region erfasst, und die Quecksilbervergiftung führt zu schwerwiegenden Gesundheitsschäden.

Zum Thema „Gold aus Guayana“ hat der WWF einen interessanten Videobeitrag erstellt

Der Tod

Für Quecksilbervergiftungen sind Gedächtnisstörungen oder Tremor charakteristisch. Aber auch Babies werden bereis missgebildet geboren, da die Mütter während der Schwangerschaft der hohen Quecksilberbelastung ausgesetzt sind. Drei Generationen fehlen den Wayanern mittlerweile – und wer weiß, vielleicht wird es schon bald auch gar keine Geburten mehr geben…Das größte Problem der mütterlichen Quecksilberbelastung ist die fetotoxische Wirkung durch die Plazentagängigkeit des Quecksilbers. Unter fetotoxisch versteht man alle mittelbaren und unmittelbaren Arzeneiwirkungen auf einen Fötus. Konkret bedeutet das einen starken Anstieg von Früh-, Fehl- und Totgeburten infolge von Quecksilbermassenvergiftungen. (Vgl. dazu eine Referenzstudie von Dr. Stefan Maydl)

Quelle: Daniel Schweizer

 

There are measurable effects on their children (five times the WHO norms), their rivers are fouled and their forest is off-limits because of the gun-toting gold diggers. A French health worker who has been measuring the mercury levels in children’s hair describes their future as „the chronical of a death foretold“ (the title of a famous film about legal assassinations). (Quelle: Peter Hulm)

Die unkontrollierte Verwendung von Quecksilber bei der Goldgewinnung stellt also nicht nur ein nicht zu vertretendes Risiko für die betroffene Bevölkerung dar. Doch Frankreich, zu dem dieses exotische Land politisch gehört, hält sich zurück mit humanitärer Hilfe. Mit 18.360 qm ist Wayana zwar die größte französische Gemeinde – doch Präsident Nicolas Sarkozy zieht es vor, in dieser Region Urlaub zu machen, anstatt sich mit regionalen Problemen zu beschäftigen. Dazu schreibt auch Peter Hulm in seinem Newsjournal CROSSLINES Global Report „no reply from Sarkozy“:

French President Nicolas Sarkozy flew over the region when looking for votes from the overseas territories, but he doesn’t seem to be answering the Wayana’s letters. (Quelle: Peter Hulm)

Der Film

Quelle: Daniel Schweizer

 

„Dirty Paradise“ zeigt, wie rund tausend Indianer gegen die zehnfache Übermacht von illegalen Goldgräbern ankämpfen, die sich im Wald versteckt halten. Zum ersten Mal ergreifen die Wayana-Indianer in einem Film das Wort und prangern die Folgen des unkontrollierten Goldabbaus an. Die Kamera beobachtet Parana, Akama, Mélanie und ihre Kinder bei ihren noch so kleinen täglichen Bemühungen, der Zerstörung ihrer Umwelt entgegenzuwirken. Der Regisseur Daniel Schweizer hat eine besondere Geschichte zu den Wayana-Indianer – aber vor allem auch eine Botschaft:

Wenn wir diesen Skandal akzeptieren und dieses ökologische Desaster nicht aufhalten, machen wir uns zu Komplizen. Für mich liegt eine gewisse Dringlichkeit in diesem Film: es ist dringend nötig diese Geschichte zu zeigen und zu erzählen, es ist dringend nötig eine Debatte loszutreten, denn wenn nicht schnell etwas geschieht wird die Geschichte von «Dirty Paradise» die Chronik des angekündigten Todes der letzten Wayana Indianer von französisch Amazonien sein. (Quelle: Daniel Schweizer)

Quelle: Daniel Schweizer

„Dirty Paradise“ erzählt die Geschichte eines Indianerstammes, der sich dagegen wehrt, unterzugehen, während die Welt in Schweigen und Gleichgültigkeit verharrt. Über diese lokale Geschichte hinaus soll «Dirty Paradise» ein Beispiel sein für den Anfang eines ökologischen Kampfes, geführt von den Amerindians gegen die Goldgräber, die Ihr Territorium überfallen haben. Ein Exempel für die schwierige Koexistenz zweier konfliktreicher Welten. Dieser Dokumentarfilm zeigt den Standpunkt der Opfer in seinem lebensbedrohlichen Kontext.


Reaktionen

Aloius Pumhösel schreibt am 1.10.2010 in DER STANDARD:

Der Film führt exemplarisch vor Augen, dass das Morden an den indigenen Völkern, das mit der Eroberung der neuen Welt begonnen hat, noch nicht zu Ende ist. Es passiert auch auf französischem Staatsgebiet, EU-Bürger sind betroffen. Vielleicht nimmt sich Sarkozy ihrer nach erfolgter Roma-Abschiebung an. (Alois Pumhösel/DER STANDARD, Printausgabe, 1.10.2010)

Die französische Politikerin Marie-Ségolène Royal meint am 23.09.2010 in ihrem Blog dazu:

Les habitants du village de Kayodé ont écrit au Président de la République pour dénoncer leur situation. Au temps où celui-ci était ministre de l’intérieur, il était venu avec Cécilia et Yann Arthus-Bertrand… A Kayodé, on attend toujours la réponse… En mourant… Les habitants du village de Kayodé vivent en Guyane française. Ils sont français…Des indiens de la République, les Wayanas, que la République abandonne! Car tout le monde s’en fout….(Quelle:Marie-Ségolène Royal/http://profencampagne.over-blog.com)

 

 

–> Pressemappe zum Film (französisch)

Über den Regisseur:

Daniel Schweizer

Born in 1959 in Geneva. Studied at ESAV (École Supérieure d’Art Visuel) in Geneva, double degree from the graphic expression and audio-visual departments. Studied at ESEC (École Supérieure d’Études Cinématographiques, Paris). 1983-93 Independent assistant director at the French Swiss Broadcasting Service (TSR) and independent producer. Since 1993 works as independent director and producer. Lives in Geneva and Paris.
2009 DIRTY PARADISE
2005 WHITE TERROR
2003 SKINHEAD ATTITUDE
2000 HELLDORADO
1998 SKIN OR DIE
1995 SYLVIE, SES MOTS POUR LE DIRE
1993 VIVRE AVEC

Kommentare
  1. Nina sagt:

    Guten Tag Herr Schweizer !

    Danke für Ihre eindrucksvolle Information. Leider habe ich nun keinerlei Idee wie ich meinen Beitrag dazu beileisten kann, den Entwicklungen entgegen zu wirken.
    In der Hoffnung, dass Sie oder andere Informierte/ Verantwortliche dies lesen.
    Haben Sie einen Plan? Das würde mich freuen zu hören.
    Freundliche Grüße aus Berlin
    Nina

  2. Dr. Hermann Hohenester sagt:

    Es ist schrecklich dieses Leid und die Hilflosigkeit der Menschen, der Behörden und der Regierung zu sehen.

    Dies umso mehr, als bekannt ist, dass Quecksilber durch Trinken von frischen Säften von frischen Früchten, welche in Franz. Guyana leicht anzubauen sind, vermehrt ausgeschieden wird.

    Auch die Abscheidung von Quecksilber aus Trinkwasser ist ein billiges Standardverfahren, das von den Betroffenen selbst ohne großem Aufwand durchgeführt werden kann.

    Vorausblickende Verfahren sind die Umstellung der Eiweißernährung auf Soya und Reis, welche dort angebaut werden können.

    Dr. Hermann Hohenester
    Lebensmitteltechnologe
    Hygiene + Umweltmanagement
    Parkstrasse 61
    50968 Köln

  3. Leider bewirken Filme dieser Art nur wenig. In den betroffenen Ländern, wie Suriname und Französisch Guyana, werden sie nicht gezeigt. Dies aber wäre sehr wichtig, weil den Bürgern dieser Länder der Ernst der Problematik oftmals kaum bekannt ist. Die Filmproduzenten haben offenbar nur ein Interesse, ihre Filme in den europäischen Medien und Kinos mit schockierenden Bildern gewinnbringend -letztlich auf Kosten der Wayanas- zu vermarkten. Warum stellen sie nicht wenigstens die exzellenten Filme (wie „Dirty Paradise“ oder „La Fièvre de l´or“) in das Internet, um sie weltweit zugänglich zu machen? Bisher gibt es zu diesem Thema fast nur privat verfasste Videodokumentationen
    (vgl. http://www.youtube.com/view_play_list?p=DF6BB7007289B4C2 oder http://www.vimeo.com/album/862212 ).

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