Migranten auf dem Aachener Arbeitsmarkt

Veröffentlicht: 4. November 2010 in Aachen, Wirtschaft
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Migranten haben schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Selbst bei gleichem Bildungsniveau hält sich das Vorurteil, Einwanderer und deren Nachkommen seien schlechter qualifiziert. Dies geht aus einer kürzlich veröffentlichten OECD-Studie hervor.

Immer mehr Unternehmen im IHK Bezirk Aachen sehen dies allerdings anders und setzen ausdrücklich auf Arbeitskräfte mit Migrationshintergrund. Sie haben die Vorteile erkannt: Mehrsprachigkeit, interkulturelle Kompetenzen sowie die Bereitschaft international mobil zu sein, sind Qualifikationen, von denen Unternehmer profitieren können.

Arbeitnehmer mit Migrationshintergrund können durch ihre andere Herangehensweise an Aufgaben Unternehmen nicht nur bereichern, sondern Problemlösungsprozesse auch kreativer gestalten. Insbesondere multikulturelles Teamwork schafft durch die Vielfalt an Betrachtungsperspektiven, Mentalitäten und Wissen enorme Synergieeffekte. Auch immer mehr Aachener Unternehmen entdecken die Mannigfaltigkeit ihrer Belegschaften als Stärke. Als Musterbeispiele können dabei Lindt & Sprüngli sowie BB Medica genannt werden.

Sie sind gut ausgebildet, hoch motiviert – aber eben nicht „deutsch“

Quelle: BB Medica GmbH

Quelle: BB Medica GmbH

Quelle: BB Medica GmbH

Seit mehr als 20 Jahren ist das mittelständische Unternehmen BB medica, mittlerweile in Aachen ansässig. Rund 100 fachkundige und kompetente Ansprechpartner beschäftigt die medizinische Vertriebs- und Ingenieurgesellschaft rund um den Gesundheitsdienst. Einer von ihnen ist der 31jährige Kommisionierer Esuat Camkerten. Über eine Zeitarbeitsfirma kam er zu BB medica und es dauerte keine fünf Wochen, da wurde er fest angestellt. Denn was Camkerten mitbrachte, fehlte vielen anderen Bewerbern: Disziplin, Lernbereitschaft und eine große Portion Willensstärke.

Es ist sein dritter Arbeitsplatz in Deutschland, seit er 2004 immigrierte. Aller Anfang war schwer, denn viele Firmen wollten ihn zuerst nicht einstellen.

Für uns Migranten ist es doppelt so schwer einen Job zu finden,

bemerkt Camkerten. Er ist der einzige Mitarbeiter mit türkischer Herkunft bei BB Medica und das findet er auch gut so:

denn es ist für mich eine große Chance noch besser deutsch zu lernen und Anschluss zu finden,

resümiert der junge Türke.

Jeder fünfte Bundesbürger (19,6%) hat einen Migrationshintergrund, d.h. sie selbst oder mindestens ein Elternteil sind Zuwanderer.

Der Geschäftsführer Dipl.-Ing. Martin Brandt ist nicht nur persönlich angetan von seinem charismatischen, türkischen Angestellten. Er profitiert auch enorm von der Diversität der Talente seiner Belegschaft.

Die Vorteile beim Arbeiten mit Migranten liegen für unser operatives Geschäft klar auf der Hand. Durch unser multikulturelles Team können wir Anfragen in der ganzen Welt bedienen. Aber nicht nur die Korrespondenz in der Muttersprache ist ein großer Vorteil – auch die Kenntnisse über die jeweilige Kultur sind besonders bereichernd. Wir arbeiten zum Beispiel mit Pflegediensten zusammen, die sich ausschließlich auf russisches Klientel spezialisiert haben. Damit die Prozessabläufe noch effizienter werden, legen wir das Handling in die kompetenten Hände unserer russischsprachigen Mitarbeiter und fahren gut damit.

Laut OECD-Studie werden Leistungen und Bildungserfolge von Migranten auf dem deutschen Arbeitsmarkt bislang nicht ausreichend honoriert.

Ähnliche Erfahrungen hat auch das weltbekannte Schokoladenimperium Lindt & Sprüngli gemacht. Gut ausgebildete Spezialisten aus 60 Nationen arbeiten an der Herstellung der berühmten Schweizer Schokolade. Die Strahlkraft der Marke Lindt ist so enorm, dass sich Arbeitskräfte aus aller Herren Länder dort bewerben. Schätzungsweise 30-35% Prozent der insgesamt 2.000 Angestellten haben einen Migrationshintergrund. Eine tiefere Analyse der Zahlen findet unternehmensintern nicht statt, denn für das global agierende Unternehmen ist die Nationalitätenfrage eher sekundär.

Wir differenzieren gar nicht, ob jemand einen Migrationshintergrund hat oder nicht. Für uns zählt in erster Linie die fachliche Qualifikation. Auch wie jemand sich in ein Unternehmen integriert ist unabhängig von der Nationalität,

meint Dietmar Klose, Director Human Resources bei der Lindt & Sprüngli GmbH.

Quelle: Gerd Altmann/Carlsberg1988

Quelle: Gerd Altmann/Carlsberg1988

Am Standort Aachen arbeiten die meisten Migranten hauptsächlich in der personalintensiven Produktion. Bereits bei der Firma Monheim gab es eine lange Tradition, dass am Standort Aachen eine bunte Kulturenmischung herrschte. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Gegenteil, gerade die geographische Lage am Dreiländereck fördert den Austausch von so genannten Grenzgängern – also Belgier und Niederländer, die zum Arbeiten nach Aachen pendeln, aber auch Deutsche, die in den Nachbarstaaten leben, aber hier arbeiten.

„Die Frage ist nicht, ob ich einen Migranten einstellen soll, sondern wie viele.“ (Gisbert Kurlfinke, Mitglied der IHK-Geschäftsführung und zuständig für die Berufsbildungsabteilung)

Viel wichtiger als die hierarchische Aufschlüsselung von Nationalitäten ist die Erfassung der verschiedenen Kulturen, die von den Menschen in das Unternehmen getragen werden. Der Anteil der Frauen im Unternehmen liegt bei rund 75%. Viele von ihnen sind Muslime und manche tragen bei der Arbeit auch ein Kopftuch – natürlich mit Hygienehäubchen obendrauf. Personalchef Klose liebt die Arbeit mit seinem multiethnischen Team.

Quelle: Lindt & Sprüngli AG

Quelle: Lindt & Sprüngli AG

Wir profitieren enorm von der Vielfalt der Kulturen in unserem Unternehmen. Beispielsweise an christlichen Feiertagen, wenn viele Mitarbeiter bei ihren Familien sein wollen, wird ein Großteil unserer Produkte von unserem muslimischen Personal produziert und umgekehrt. Weitere Vorteile ergeben sich aus der multikulturellen Zusammenarbeit. Es ist ein ständiges mentales Training für die Menschen, wenn sie sich permanent aufeinander einlassen und sich verstehen lernen müssen. Das schafft eine flexible Mannschaft.

„Charta der Vielfalt“: Für mehr Toleranz, Fairness und Wertschätzung ihrer Mitarbeiter

Immer mehr Aachener Unternehmen betrachten Diversität in ihrer Belegschaft als Gewinn und treten deshalb auch der „Charta der Vielfalt“ bei.Mit einer Unterzeichnung bekennen sich die Unternehmen zu Toleranz, Fairness und Wertschätzung ihrer Mitarbeiter. Weit über 600 namhafte Unternehmen bundesweit und 25 Unternehmen, Institutionen sowie Beschäftigungs- und Qualifizierungsträger aus Stadt und Region Aachen sind bislang der Initiative beigetreten. Initiiert wurde die „Charta der Vielfalt“ am 13.Dezember 2006, unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel, von Daimler, der Deutschen Bank, der deutschen BP und der Deutschen Telekom im Bundeskanzleramt.

Nähere Informationen zur „Charta der Vielfalt“ unter www.vielfalt-als-chance.de.

Rund 7.000 Arbeitslose mit Migrationshintergrund suchen derzeit im IHK Bezirk Aachen einen neuen Job. Gerade angesichts des demographischen Wandels und dem damit einhergehenden drohenden Fachkräftemangels in Deutschland, kommt den Migranten eine ganz besondere Rolle zu, findet auch Gisbert Kurlfinke, Mitglied der IHK-Geschäftsführung und zuständig für die Berufsbildungsabteilung.

Das hat nichts mit Nächstenliebe oder sozialer Fürsorge zu tun, sondern mit knallharten wirtschaftlichen Überlegungen. Die Frage ist nicht, ob ich einen Migranten einstellen soll, sondern wie viele.

Veröffentlicht in: Wirtschaftliche Nachrichten der IHK, Ausgabe 10/ 2010

Kommentare
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