Archiv für die Kategorie ‘Theater’

Elfen und Könige, Kobolde und Verliebte, die nicht zu einander finden können – Was sich nach Harry Potter und dem Märchenwald anhört, ist Shakespeares meist gespielte Komödie „Ein Sommernachtstraum“.

Quelle: Theater K

Regisseur Wolfgang  Franßen holt die Charakteren heraus aus dem Feenreich und setzt sie an die Bar im Theater K, die von Hippolyta und Theseus betrieben wird. Die Bar ist gut gefüllt, Alkohol fließt in Strömen, die Stimmung steigt. Die Stammgäste haben einigen Grund sich die Kante zu geben, denn die lokalen Verhältnisse sind mehr als dramatisch. Helena ist scharf auf Demetrius, Demetrius will aber lieber Hermia, Hermia liebt Lysander und Lysander hat nur Augen für Helena. Noch irgendwelche Fragen? Dann kann das chaotische Verwirrspiel um das Finden und Entreißen ja beginnen. Denn die nächsten 60min geht’s hauptsächlich um erotische Sehnsüchte, anarchische Phantasien und das Wer-mit-Wem. Ganz nebenbei hat der Barbesitzer die Nase voll von den Flirtereien seiner Frau mit anderen Männern. Er beauftragt seinen Diener Puck mit einem Zaubersaft Klarheit in den Liebesklüngel zu bringen. Doch der trottelige Puck könnte ein Schwein nicht von einem Esel unterschieden und stiftet nur noch mehr Verwirrung.  Zwischen Rausch und Lust verwandelt sich die Sommernacht in einen skurillen Traum, der allen Akteuren die Sinne vernebelt.

Dem shakespearschen Feenwald verleiht Janssen mit Songs und Arrangements, die sich am musikalischen Kosmos der 30er Jahre orientieren, eine gekünstelte Atmosphäre.

Quelle: Theater K

Zwar führt Janssen seine Figuren tief in den eigenen inneren Urwald unbewusster Wünsche, doch die Verstrickungen der märchenhaften Liebesgeschichte werden nur mässig gelungen aufgeschlüsselt. Zu verkopft sperrt Franßens Experiment sie in ein Konzept auf einem schmalen Grat zwischen Burleske und Absurdität. Besonders dann verwirrend, wenn der Theaterbesucher das Stück nicht von Beginn an verfolgen kann. Denn schon der Einlass, mit Gang des Publikums um eine achteckige Bühne, sorgt derartig für Verwirrung, dass der 1. Akt den meisten Zuschauern verborgen bleibt. Dieses erste Verwirrspiel macht es einem Gros des Publikums schwer, in die weitere Handlung einzutauchen. Zu distanziert stehen die Charakteren nebeneinander und macht das Wer-mit-wem zu einer Aufgabe für Tiefenpsychologen. Selbst Puck, sonst oftmals der Publikumsliebling als hämisch-faunischer Narr, der die Handlung zusammenhält, geht in Franßens Inszenierung unter. Und wenn es Puck nicht, schafft, aus dem langatmigen Vexierspiel eine Shakespeare’sche Komödie zu zaubern, dann bleibt Janssen Stück ein schwerfälliges Phantasiespiel mit undurchsichtigen Beziehungsgeflechten. Wer von „Ein Sommernachtstraum“ ohnehin nichts erwartet, wird rundum befriedigt. Selten wurde in einer Shakespeare’sche Komödie so wenig gelacht.

 

 

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Quelle: DasDa Theater

Quelle: DasDa Theater

„Creeps“ so heißt das neue Lifestylemagazin eines Musiksenders. Das Konzept steht, das Studio ist bereits hergerichtet – das einzige, was noch fehlt ist ein geeigneter Moderator. Für den Job schreibt der Sender ein Casting aus. Die Schülerinnen Lilly (Patricia Rabs), Maren (Ina Pappert) und Petra (Franziska Holitschke) haben es in die Endrunde geschafft und sollen nun ihr Können vor laufenden Kameras beweisen. Jede der drei jungen Mädchen würde alles dafür geben, den Job zu bekommen. Doch nur eine wird sich durchsetzen. Da heißt es Ellebogen ausfahren ohne Rücksicht auf Verluste.

Quelle: DasDa Theater

Quelle: DasDa Theater

Verschiedene Aufgaben und Rollenspiele gilt es zu bestehen. Was am Anfang noch Spass macht, stößt schon bald an die Grenzen der emotionalen Belastbarkeit. Denn so taff sich die Jungmoderatoren auch geben, trägt eben jede für sich ein kleines dreckiges Geheimnis mit sich herum. Die Stimmung heizt sich auf – die Konkurrenzsituation kratzt an den Nerven – bis das Studio zur Kampfarena wird. Ring frei für einen Seelenstriptease hormongeladener Heranwachsener. Die Regeln sind gänzlich einfach: Erlaubt ist, was später Quote bringt. Gekämpft wird mit harten Bandagen. Doch wird das am Ende reichen? Erst spät, aber dann immer deutlicher merken die Mädchen, dass sie Teil eines perfiden Marionettenspiels sind.

Das 80minütige multimediale Stück von Autor Lutz Hübner spielt mit den Sehnsüchten der Generation Casting. Auf subtile Art und Weise testen die Strippenzieher im Hintergrund eine Kopplung aus Schaulust und Selbstzerfleischung der Kandidaten. Authentisch spielen Rabs, Pappert und Holitschke die Zerrissenheit zwischen Schein und Sein. Das Stück lebt von Ihren Gefühlsschwankungen – ebenso wie eine richtige Casting-Show. Allerdings sind die Wutausbrüche der Protagonisten, so gut sie auch gespielt sind, eher anstrengend als unterhaltsam. Auch das Publikum wird in diese Theatralik miteinbezogen.

Quelle: DasDA Theater

Quelle: DasDa Theater

Die Zuschauer sitzen sich zu beiden Seiten der drehbaren Bühne gegenüber und werden somit Teil der Szenerie. Abwechselnd wird live auf der Bühne performed und anschließend das entstandene Videomaterial auf Monitoren präsentiert. Jedoch sind die Videoausschnitte so laienhaft zusammengesetzt, dass sie höchstens den „Fremschäm“-Charakter des Stücks unterstreichen. So interaktiv das Stück sich auch präsentiert, gelingt es nur mäßig den Spannungsbogen bis zum Ende aufrecht zu erhalten. Zu berechenbar ist der Plot, der höchstens durch Witz einige Überraschungen schafft.

Quelle: DasDa Theater

Quelle: DasDa Theater

Vielleicht darf man auch nicht älter sein als das klassische Dieter-Bohlen-Publikum um sich von dieser Inszenierung mitreißen lassen zu können. Alles in allem eine großartige schauspielerische Leistung vor einer eher mittelmäßigen Inszenierung.

Mehr Infos unter http://www.dasda.de/

Veröffentlicht in: Klenkes – das Stadtmagazin Ausgabe 10 / 2010

Quelle: Theater Aachen

Am 12.09.2010  läutete das Theater Aachen einen glanzvollen Auftakt in die neue Spielzeit ein. Mit „Kabale und Liebe“ gelang dem Aachener Ensemble ein klassisches Stück in die Moderne zu transferieren – ohne dabei über die Strenge zu schlagen. Authentische Textarbeit und ein außerordentlich originelles Bühnenbild zeichnen die Inszenierung aus.

Zum Inhalt:

Bedingungslose Liebe und der Traum von einem gemeinsamen Leben – das sind die Motive, welche Luise und Ferdinand dazu treiben bis ans Äußerste zu gehen – und wenn es sein muss bis in den Tod.

Aber noch mal von vorne: Luise, Tochter des  Musikermeisters Millers, liebt Ferdinand. Der ist allerdings  seinerseits Sohn von Präsident von Walter. Eine Bürgerliche und ein Präsidentensohn geben seit jeher Grund für Klatsch und Tratsch. Doch damit nicht genug, denn der Präsidentenvater hat eigetlich ganz andere Pläne für und mit seinem Sohn. Wenn es nach ihm ginge, so sollte Ferdinand doch besser die Lady Milford heiraten, denn dann hätte er auch noch was davon. Seine Herrschaftsbeziehungen wären gestärkt und seine Macht noch größer. Lady Milford by the way hätte gar nicht mal was dagegen, ihr Bett statt mit dem Hofmarshall mit dem knackigen Jüngling Ferdinand zu teilen.  Blöd nur, dass es sich bei Ferdinand und Luise um ausgemachte Sturrköpfe handelt.

Er würde lieber auf allen Ruhm und Reichtum  verzichten, als nach der Nase seines Vaters zu tanzen. Und sie? Sie eigentlich auch. Wenn sie nicht so verdammt verantwortungsvoll wäre. Einfach alle Zelte abbrechen und mit Ferdinand durch brennen? Kommt nicht in Frage für Luise, die ihre Eltern auf keinen Fall im Stich lassen will. Guter Ansatzpunkt übrigens für eine Intrige.

Und da kommt der Wurm ins Spiel. Wer? Hauptsekräter Wurm, engster Vertrauter des Präsidenten UND selber ziemlich scharf auf Luise. Trotz pathologisch gestörtem Sozialverhalten ist der Wurm listig und Meister der Kable. So heckt er eine Strategie aus, mit welcher er an Luise, der Präsident an mehr Macht und Lady Milford an Ferdinand käme.

Wie wäre es, wenn man Ferdinand einfach durch Luises Hand in rasende Eifersucht bringen würde, so dass er sich freiwillig von ihr abwendet? Beispielsweise durch einen gefakten Brief an einen öminösen Liebhaber, den man Ferdinand ganz zufällig zu kommen ließe. Und wie wäre es, wenn Luise diesen Brief auch noch gleich selber schriebe, damit es auch authentisch rüber kommt? Alles, was man dazu bräuchte, wäre ein bisschen Erpressung hier und ein bisschen Intrige dort.

Während Ferdinand plötzlich an allem zweifelt, folgt die in Angst und Schrecken versetze Luise in ihrem Innersten einem ganz eigenem, von ihrem tiefen Glauben geleiteten Weg – für beide mit fatalen Folgen …

Quelle: Theater Aachen

Inszenierung Bernadette Sonnenbichler
Bühne Jens Burde
Kostüme Tanja Kramberger
Musik Martina Eisenreich
Dramaturgie Inge Zeppenfeld

Präsident von Walter Karsten Meyer
Ferdinand Robert Seiler
Hofmarschall von Kalb Rainer Krause
Lady Milford Bettina Scheuritzel
Wurm Thomas Hamm
Miller Andreas Herrmann
Frau Miller Elisabeth Ebeling
Luise Emilia Rosa de Fries
Kammerdiener Joey Zimmermann

Karten unter: http://www.theater-aachen.de

scenario 2010 – Theaterfestival in Eupen

Veröffentlicht: 17. Mai 2010 in Theater

„Theater – Tanz – Comedy“

Eine junge Frau im roten Abendkleid und einem Karton auf dem Kopf bewegt sich anmutig zur Musik. Im Hintergrund tanzt ein Mädchen mit einer Mütze tief ins Gesicht gezogen. Ganz unbeteiligt steht zwischen den beiden Tänzerinnen ein weiteres Mädchen – regungslos und verloren.

In der nächsten Szene rennt ein junger Mann mit Karacho gegen eine Wand. Die anderen drum herum schauen zu, drehen sich weg – lassen ihn liegen.

Es sind „Strange Days Indeed“, in denen sich diese jungen Erwachsenen bewegen und ihre Position suchen. Da wirbeln sechs junge Leute über die Bühne, die Sprache nur bruchstückhaft und meist als Mittel der Nichtverständigung benutzen. Sie erzählen mit beredter Körpersprache von der Lust und der Not, sich in einer Welt zurecht zu finden, die sie nicht verstehen. Sie leben in einer Zeit der Verpflichtung zur Außergewöhnlichkeit. Wer nicht speziell ist, wird nicht beachtet. Die schrille Inszenierung dreht sich um die essentielle Frage: Wie kann ich in dieser Welt noch auffallen? Das Ringen um Aufmerksamkeit hat der belgische Choreograph Ives Thuwis mit sechs Jugendlichen vom jungen theater basel untersucht und damit eine einzigartige Performance geschaffen. „Wir

freuen uns sehr, dass wir in dem für uns völlig fremden Gebiet spielen können. Auch das Festival ist uns nur vom Hörensagen bekannt. Aber auch in unserem Stück geht es ja um den Umgang mit dem Fremden; um das lustvolle darauf-zu-gehen, egal wie befremdend es zunächst daherkommt. Insbesondere mit der Sprache des Tanzes scheinen Ländergrenzen leichter zu überwinden zu sein“, freut sich der Leiter des jungen theater basel, Uwe Heinrich, auf das scenario festival 2010. Es ist Theater auf Augenhöhe mit seinem Publikum, mit Themen, die jungen Menschen auf den Nägeln brennen.

Das Stück lebt von der Dynamik der Gruppe sowie den starken Gefühlen der einzelnen Tänzer, ganz nach dem Motto der Begründerin des Tanztheaters Pina Bausch: „Mich interessiert nicht, wie sich Menschen bewegen, sondern was sie bewegt.“

„Strange Days Indeed“ ist der heimliche Favorit des scenario Festivals 2010, welches vom 14.-19. März in Eupen statt findet. Zum 7. Mal hat die Kulturvereinigung Chudoscnik Sunergia wieder ein internationales Programm aus den verschiedensten Formen des (Tanz)Theaters zusammengestellt. Künstler aus Belgien, Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen sieben Tage lang ihre kreativen, kritischen und auch kindgerechten Produktionen.  Von Musiktheater, Tanztheater bis Figurentheater wird eine große Bandbreite der Theaterformen geboten, die nicht für ein elitäres Publikum gedacht sind, sondern für Jedermann in der Euregio-Mass-Rhein. Die Aufführungen sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie sehen sollen.

Es werden Geheimtipps und Senkrechtstarter die Bühnen mit Leben füllen. Das Eupener Trotz Ensemble ist so ein Senkrechtstarter. Mit  „Love is strange (rough cut)“ bringen sie ein entschieden interdisziplinäres Stück, das eine Mischung aus szenischem Konzert, musikalischer Performance und untheatralischen Theaterstück ist. Ein Kaleidoskop von Traumbildern mit getanzten Monologen und visuellen Dialogen. Die fünf Darsteller werden in vier Sprachen ihre Visionen, Gedanken und Phantasien zu einem vielschichtigen Gruppenbild zusammenfügen. Es ist ein schräges, lautes Stück, das sich ganz stark vom traditionellen Theaterbegriff entfernt.

Wer nicht so experimentierfreudig ist und lieber einen Klassiker sehen möchte, hat die einmalige Gelegenheit „Faust spielen“ in Rekordzeit präsentiert zu bekommen. Wo andere lange Bühnenstücke inszenieren schaffen es Wilde & Vogel vom Leipziger Figurentheater gemeinsam mit dem Wiener Christoph Bochdansky die Tragödie in 70 Minuten zu performen. Getreu dem Originaltext, aber stark virtuos ist das Stück traditionell verbunden und dennoch innovativ. Mit Maske, Marionette und Figuren, die frei gespielt werden, ist dieses mystisch-lustvolle Spektakel eine Mischung aus  Schauspiel und Figurentheater.

Leichtere Kost hingegen ist das Vollplaybacktheater, welches „Ein Fall für TKKG“  mit Hilfe der Originalhörspielkassetten inszenieren wird. Auf dem Szenario Festival 2010 spielt das Vollplaybacktheater das Stück „TKKG – Das Paket mit dem Totenkopf (Folge 4)“.

Aus Aachen wird Lotte von der Inde beim „Erzählabend“ zu sehen sein. In einem ruhigen Ambiente soll das Publikum sich ruckzuck wieder wie ein Dreijähriger fühlen, der sich eine Geschichte erzählen lässt. Lotte von der Inde, eine Meisterin der Erzählkunst wird Geschichten aus dem Hohen Venn, das sich an  der Grenze zwischen der Eifel und Belgien befindet, zum Besten geben. Mit den Geschichten „Der Schneider vom Venn“ „Venngeist und Moorhexe“, „Der Drache als Schatzwächter“, „Der glöhnige Mann“, „Das Buschweibchen“ und „Der Perlensucher“, wird sie das Publikum mitnehmen auf eine Reise durch die Hoochmoorlandschaft.

Mit diesem vielfältigen Programm stellt der Veranstalter Chrudosnic Sunergia erneut seine Experimentierfreude und Offenheit unter Beweis und präsentiert Kunst aus einer zeitgenössischen Perspektive.

Scenario 2010

„Theater – Tanz – Comedy“

14.-19.März 2010

Eupen

Veröffentlicht: Klenkes – Das Stadtmagazin

ChaOSTheater

Veröffentlicht: 17. Mai 2010 in Theater

Aachen. Seit sechs Jahren beleuchtet das Projekt der OZ Josefshaus in einem Zusammenspiel von Kunst und sozialpädagogischer Arbeit die Fragen nach den Ursachen gesellschaftlicher und zwischenmenschlicher Konflikte.

Im multikulturellen Aachen-Ost treffe sie mit diesem Anliegen den Nagel auf dem Kopf. Durch die Theaterarbeit können Teilnehmer in ihrer persönlichen Entwicklung gestärkt sowie die Kommunikation als auch die Interaktion aller Beteiligten gefördert werden.  Ziel ist es dabei auch theaterfernes Publikum zu erreichen und zu einem Aufführungsbesuch zu motivieren.

Veröffentlicht: Klenkes – Das Stadtmagazin

Wenn die Zimtsterne wieder glühn….

Veröffentlicht: 17. Mai 2010 in Theater

Ein satirischer Abend mit Anush Manukian und Annette Schmidt

Aachen. Mit Geschichten von Weihnachtskatastrophen, unkorrekten Tannenbäumen und Weihnachtsmann-Unglücken lädt das Theater K in der Bastei zu einem satirischen Streifzug durch die Adventszeit ein. Vom spannenden Heilig-Abend-Thriller bis hin zur rhythmisch-erotischen Nikolaus-Ballade spannt dieses Programm einen weiten Bogen zum Thema Weihnachten. Neben alten Winterweisheiten und neuen Weihnachtsliedern stehen satirische Texte von Fritz Bernhard, Georg M. Oswald, Axel Hacke, Ephraim Kishon, Kurt Tucholsky, uvm. im Mittelpunkt des Zwei-Personen-Stücks.

Während draußen der Schnee leise aus den Schneekanonen rieselt, werden im Foyer Rouge die Hafeflockenmakronen mit Senf bestrichen und der Tannenbaum mit Knallkörpern der Satire „Feinster Auslese“ geschmückt.

Loriot hätte sich gefreut, denn in Kittelschürze und mit Lockenwicklerhaube bereiten sich die Schwipschwägerinnen Doris und Gina gewissenhaft auf den heiligen Abend vor.

Ganz nach dem Motto: Das Weihnachtsessen darf nicht nur schmecken, es muss mästen, ist der kulinarischen Kreativität keine Grenze gesetzt. „Gefüllte Jesuswindeln“ oder „die Finger der Maria“ wären doch mal eine spannende Alternative zur alljährlichen Weihnachtsgans.

Auch für die wiederkehrenden Probleme zum Heiligen Fest gilt es neue Lösungen zu finden. So trainieren die Hausfrauen fleißig an der Übergabe von scheußlichen Schwiegermüttergeschenken und überlegen sich wie man mit der weihnachtlichen Geschenkpapierlawine umgehen könnte. Je mehr die beiden Damen schwadronieren, desto genauer treffen ihre satirisch-bissigen Pfeile ins Schwarze.

Mit frisch gelegter Dauerwelle und einer gehörigen Portion Eierlikör lässt sich das Christkind erst richtig gut durch den Kakao ziehen.

Das Publikum wird derweil überrascht mit fliegenden Bügeleisen und Toastern, Kochlöffel-Drum-Solos und  reizvollen Lametta-Tanzeinlagen. Bei Festklängen aus dem Kofferradio und mit dem Duft der live gebackenen Weihnachtsgans in der Nase, kommt auch der größte Weihnachtsmuffel in Stimmung. Denn wenn die Zimtsterne wieder glühn, kann das Weihnachtsabenteuer beginnen.

Aachen. „Und du hast gesagt: Ihr sollt Mama und Papa sein. Und die beiden haben gelächelt. Und du hast gesagt: Ab heute sind wir eine Familie. Ab heute sind wir nie mehr alleine. Ab heute gibt es für uns ein zu Hause. Ab heute wird es nie mehr dunkel sein.“

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit bewegt sich das Experiment, das zwei Kinder mit ihren vermeintlichen Eltern wagen. Die Kinder bestimmen die Regeln und die Verhaltensmuster, die sie gerne an den hochstilisierten Eltern sehen möchten. Vater und Mutter, vermutlich für das Experiment gekidnappte Personen, kuschen, um dem Zorn und der Gewalt der Kinder zu entgehen. Lehnt sich doch einmal ein Elternteil auf, so wird es in seine Schranken verwiesen und ruhig gestellt. Kind F, ein klammerndes, dominantes und zugleich infantiles weibliches Wesen, kämpft zwischen Impulsivität und Instabilität um Aufmerksamkeit und Liebe der Eltern. Während „Kind M“, der „Schizo, der sein Leben nicht gebacken bekommt und gern Familie spielt“ die Figuren der Familie, wie auf einem Schachbrett aufstellt und sie dazu zwingt, ein Spiel von der heilen Welt einer glücklichen Familie vor zu täuschen. Nach und nach wird deutlich, dass hier ein Experiment stattfindet, das ein unerreichbares Ideal zum Ziel hat – und tödliche Gefahren birgt.
Versucht wird ein distanzierter Blick auf familiäre Konstellationen und innerfamiliäre Dynamik.

Die inzestiös anmutende Szene, in der Bruder und Schwester ihre Innigkeit durch Streicheleinheiten sowie einen Kuss verdeutlichen wollen, erinnert den Zuschauer eher an eine Szene aus „Verbotene-Liebe“ und zeigt deutlich, dass  die zwei „Kindern“ (Robert Seiler, Franziska Lehmann) die Pfeiler des Stückgerüsts in Soap-Manier nur vage tragen können.

Die „Mutter“, gespielt von Stefanie Dischinger, strauchelt derweil zwischen Stockholm-Syndrom und Emanzipation.

Kommen anfangs ihre Flash-Backs noch sehr authentisch daher, gerät sie im Verlauf der Inszenierung leider zunehmend ins Hintertreffen. Die Kehrtwende von der Opferrolle in die Opferidentifikation vollzieht sich praktisch von jetzt auf gleich und lässt sich auch rückblickend kaum an einer Szene festmachen, so ausdruckslos wirkt die „Mutter“ neben dem starken „Vater“.

Der Vater, Thomas Hamm, schafft es in stärkerem Maße dem Stück den dringlichen Ernst und die passende Tragik zu verleihen. Am Ende fragt sich der Theaterbesucher jedoch, warum er sich diesen Moral-Masochismus überhaupt angetan hat. Wer sich einfach auf Unterhaltung gefreut hat, muss enttäuscht werden. Zu Vater/Mutter/Kind gehört Gebrüll, Gewalt und Verwirrung. „Was tun wir jetzt? Wir haben uns lieb und sind eine Familie“!

Aachen. Wenn Schauspieler einen Liederabend geben, darf man Ungewöhnliches erwarten. Mögen Liederabende eher einen Kreis von Kennern anziehen,  die musikalische Hommage an Lotte Lenya und Kurt Weill gehört nicht dazu.

Wie stark das Interesse an den Melodien von Weill und Lenya ist, bewiesen nicht nur die Standing Ovations im Anschluss an die eineinhalbstündige Inszenierung, sondern auch die Tatsache, dass der Ballettsaal des Theater Aachens bei der Premiere am 15. April. 2010 um 20 Uhr bis auf den letzten Platz besetzt war.

Zwischen Liedern wie „Surabaya Johnny“ oder dem berühmten „Alabama Song“ gaben die zwei Hauptdarsteller, Julia Brettschneider und Sebastian Stert, einen Einblick in eine ganz besondere Künstlerehe. Angereichert wird die Darstellung der intimen Beziehung zwischen der singenden Lotte Lenya und dem Komponisten Kurt Weill durch den jahrelangen und amüsanten Briefwechsel des Künstlerpaares.

»Sie ist eine miserable Hausfrau. Aber eine sehr gute Schauspielerin. Sie kümmert sich nicht um meine Arbeit (das ist einer ihrer größten Vorzüge). Aber sie wäre sehr böse, wenn ich mich nicht für ihre Arbeit interessieren würde. Sie hat mich geheiratet, weil sie gerne das Gruseln lernen wollte, und sie behauptet, dieser Wunsch sei ihr in ausreichendem Maße in Erfüllung gegangen. Meine Frau heißt Lotte Lenya.« Kurt Weill, 1929

In einer Mischung aus Schauspiel und Lesung wird der Zuschauer in die Zeit der Goldenen Zwanziger, aber auch in die Zeit der sich anschließenden Kriegswirren entführt. Auf der musikalischen Reise durch die Zeitgeschichte wird gleichzeitig ein spannendes Stück Historie aufgearbeitet, in dem Namen wie Brecht, die Dietrich, Reinhardt und Gershwin eine Rolle spielen.

hide!

Veröffentlicht: 17. Mai 2010 in Theater

Aachen. „Das soll ein bisschen traurig, dramatisch sein“, weist Boris Bansbach seinen Saxophon-Schüler Jonas an. Eine Tonfolge ertönt, doch der Lehrer, der sonst die FH-Big Band leitet, scheint nicht zufrieden. Er summt die Melodie lieber noch einmal vor, während er dazu mit der rechten Hand den Takt schnipst. In dem Proberaum in der MuFAB stehen vier Jugendliche mit ihren Instrumenten – Füße wackeln im Takt, die Augen heften sich an die Partitur auf den Notenblättern fest. Auf ein Neues versucht das Ensemble mit Trompete, Posaune und zwei Saxophonen die gewünschte Melodie umzusetzen. Einer kommt aus dem Takt und wie bei einem Dominospiel kippt einer nach dem anderen vor Lachen fast um. Macht nix! Weitermachen! Soll ja Spass machen! Mit jeder Menge Enthusiasmus fachsimpeln die Bläser des Orchesters des Schülermusicals „hide!“ und üben ihre Parts. Heute proben sie das Thema des Inspektor Murrows. Diszipliniert und straight spielen die vier Bläser ihre Töne immer und immer wieder, bis es endlich sitzt – und als ob sie das jeden Tag so machen würden. Die Professionalität, mit denen die Jugendlichen hier an ihre Arbeit gehen, kennzeichnet das Schülermusical, welches in Kooperation mit der MuFab Aachen sowie dem Theater 99 aufgeführt wird. 11 Schauspieler und 9 Musiker, zwischen 14 und 19 Jahren stellen die Inszenierung der berühmten Novelle rund um Dr. Jackyll und Mr. Hide auf die Beine.

Angefangen hat es mit einem Casting, bei dem die Schülerinnen und Schüler um ihre Rollen konkurrierten. Das Interesse an dem Schülermusical war so groß, dass sogar Jugendliche aus dem Ruhrpott angereist kamen. „Es ging nicht darum auszusortieren, sondern zu fördern“, erklärt Christian Wernekinck, der für Text, Musik und Dramaturgie verantwortlich ist und die Schülergruppe maßgeblich anleitet. Dem engagierten Gymnasiallehrer steht bei der Umsetzung seines ambitionierten Projektes professionelle Unterstützung zu Seite. Theaterpädagogisch werden die Laienschauspieler von Ingrid Wiederhold betreut, während die Musiker durch qualifizierte Lehrer, wie Boris Bansbach, Einzel- und Gruppenunterricht in der MuFab erhalten. Weiterhin wird die Produktion durch ein Kamerateam begleitet, das die Proben dokumentiert und die Aufführungen aufzeichnet. So soll es später anderen Gruppen möglich sein, neben dem eigentlichen Script und den Partituren eine Anleitung durch einen Videofilm zu erhalten, die es ermöglicht, das Stück selbstständig zu einer Aufführung zu bringen.

„Das Ganze lebt von der Ur-Kraft, der Energie und dem Willen der Darsteller.“, meint Initiator Christian Wernekinck. Das scheint zu stimmen, denn mit einem riesigen Aufwand betreiben alle Beteiligte das Projekt. Die Songs werden mit den Musicalanwärtern zusammen komponiert und einstudiert; die Requisiten, die Maske sowie die Unmengen an Kunstblut werden in persönlicher Manufaktur hergestellt.

Das Stück selbst folgt der klassischen Form eines Dramas, besitzt aber noch einen Epilog und einen Cliff-Hanger, die typisch für das Horror-Genre sind. Ebenso wurden Elemente des britischen Kriminalstückes integriert. Bei „hide!“ handelt es sich nicht um eine klassische Theater-AG Schulaufführung. Alle Beteiligten haben sich essentiell mit der Novelle, der Problematik der Schizophrenie und natürlich mit der Musik auseinander gesetzt. „Es dauert zwar lange bis die Schüler aus sich herausgehen, aber nach der Auseinandersetzung mit der dramatischen Figur sind alle Kinder total verändert.“, konstatiert Christian Wernekinck. „Das Ziel ist es, Jugendliche aktiv im Bereich Musical und Theater zu beteiligen, indem sie an einer authentischen Musicalproduktion teilnehmen.“ Diese Aufgabe hat das Projekt im Vorhinein schon einmal mit Bravur gemeistert. Das Stück ist nominiert als herausragende Eigenleistung im Rahmen der 27. Kölner Schultheaterwoche.

Die Schirmherrschaft über das Projekt hat Dr. Jürgen Linden

Der falsche Tag

Veröffentlicht: 17. Mai 2010 in Theater

Aachen. Am Sonntag, den 18.April stiegen etwa fünfzig Personen die Treppen im Neuen Aachener Kunstverein (NAK) hinauf zur ersten Etage, um sich eine Performance, namens „Der falsche Tag“ anzuschauen. Empfangen wurden die Besucher gleich von einer ganzen Horde Gastgeber, die jedem Besucher persönlich die Hand schüttelten, einen schönen Tag wünschten und anwiesen sich in einem Karré um die Bühnenfläche aufzustellen. Die Aktionskünstler postierten sich derweil zur einer Lagebesprechung am Rand der Bühne und verkündigten kurz darauf, dass sich die Gruppe mit dem Tag der Aufführung vertan hat. Die Performance, rund um Anne Tismer hatte begonnen.

Die künstlerische Grenzgängerin Anne Tismer präsentiert bereits seit dem 13.März 2010 im Neuen Aachener Kunstverein (NAK) ihr ganz eigenes Ouvre, das von Performance über Kunstaktion, Videoarbeiten, bis hin zu Objekten und Zeichnungen reicht. Für einige Tage war es nun möglich der Performance- und Aktionskünstlerin live bei ihrer Arbeit über die Schulter zu gucken. Sechs Abende lang entwickelte sie zusammen mit der Aachener Gruppe THEATERausBruch die Aufführung „Der falsche Tag“, welche einmalig am Sonntag, den 18.April im NAK zu sehen war.

Der Arbeitsprozess mit der rennomierten Schauspielerin war für alle 12 Beteiligten besonders spannend. Am Anfang des Entstehungsprozess wurden zwei große Themen gesucht, welche die Basis der Performance geben sollten. Tismer entschied sich für die Themen „Vater“ und „Traum“. Hierzu schrieben Laien sowie Künstler ihre Gedanken und Erinnerungen auf. In einem nächsten Schritt wurden diese Ergebnisse dazu genutzt, um für jeden Einzelnen die passende Rolle auf der Bühne zu finden. Herausgekommen ist nach sechstägigen work-in-progress ein Wechselspiel zwischen realer Welt und Traumwelt – zwischen Surrealismus und Komik.

Mit einer Mischung aus Tanz- und Sprechtheater inszeniert Tismer  elf kurze Akte, die stets mit Thesen und Antithesen spielen, was wiederum ein Charakteristikum für die Arbeiten der  Künstlerin ist. Die Laienschauspieler tanzen, hüpfen, räkeln, wälzen sich mal singend, mal weinend, dann wieder erklärend durch den Raum. Die Zuschauer stehen wie Schaulustige drum herum. Nur durch ein Klebeband auf dem Boden sind Künstler und Zuschauer künstlich voneinander getrennt. Konstant wird das Publikum in die Performance integriert, sei es um sich erklären zu lassen, warum Zebrafinken nicht von der Stange fallen oder wie ein „Mörderhaus“ von innen aussieht.

Wer sich jedoch auf ein leichte Kost eingestellt hatte, musste enttäuscht werden, „Der falsche Tag“ ist subversiv und  schwer verdaulich. Schnelle Szenenwechsel und die vielen gleichzeitig stattfindenden Interaktionen zwischen den Schauspielern macht es dem Publikum nicht immer leicht den künstlerischen Crossover zu verstehen – eine Aktion, die auch noch lange danach für Gesprächsstoff und Auseinandersetzung forderte. „Mir ist es wichtig, dass das Publikum gezwungen ist, sich einen Reim darauf zu machen, was gerade auf der Bühne passiert. Es ist eine ganz persönliche Auseinandersetzung mit der Gegenwart, der Realität und Surrealität“, beschreibt Anne Tismer ihr Stück. Im Vordergrund stehen bei Tismer immer wieder die Fragen nach Wahrnehmung und Interpretation der Welt aus Sicht der Außenstehenden. Auch das Bühnenbild, sowie alle verwendeten Objekte sind unter Anleitung der Künstlerin in dem Kreativprozrsss von der Gruppe gestaltet worden. „Die Arbeit mit THEATERausBruch hat mir eine Menge Spass gemacht“, meint Tismer abschließend.

Ihre Arbeiten sind noch bis zum 9. Mai 2010 im NAK zu sehen. Zur Finnisage wird die Künstlerin die Performance „bongani“ zeigen, die das Schicksal und die Weltsicht eines traumatisierten Kindes zu fassen sucht.