Know How fürs Altpapier – Wie die Chancen der Euregionale 2008 verspielt wurden

Veröffentlicht: 30. August 2010 in Aachen, Allgemein
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Zu groß, zu komplex, zu viel gewollt. Eine Studie belegt, dass die Euregionale 2008 bei den Bürgern kaum angekommen ist. Und es zeigt sich, dass viele Akteure im Fördergeld-Rausch schlicht überfordert waren. Einzelprojekte wie die Klangbrücke in Übach-Palenberg haben bei den Menschen vor Ort sogar zu wütenden Protesten geführt. Ein Bericht von Klenkes-Autorin Sonja Ceri

Gut gelaunt sitzt Regina Dechering in ihrem Bürosessel im Rathaus von Inden und das, obwohl sie bis zum Scheitel in Arbeit steckt. Die blonde Planerin leitet das Mammutprojekt Indemann – das architektonische Wahrzeichen der Euregionale 2008.

Der Indemann besteht aus 20.000 stählernen Einzelteilen, 280 Tonnen Stahl, ist 36 Meter hoch und ausgestattet mit 45.655 LED-Leuchten. Es war ein langer Weg bis dieses 5,5 Millionen Euro teure Kunstwerk geschaffen werden konnte, vor allem wenn man bedenkt, dass das Team rund um Frau Dechering nur aus drei Leuten besteht. Von der Idee bis zur Umsetzung dauerte es fünf Jahre. Doch die Arbeit hat sich gelohnt. Bis zu 2.000 Besucher besteigen an einem einzigen Wochenende mittlerweile die Symbolfigur im Indeland. Somit ist das Projekt Indemann eines, welches in der Region und bei der Bevölkerung angekommen ist.

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Das kann man leider nicht von allen Projekten behaupten, die 2008 auf der to do-Liste des Strukturförderprogramms Euregionale standen.  Ziel des Programms war es über die Aachener Grenzen hinaus, bestimmte Wirtschaftszweige, wie etwa den Tourismus, voran zu bringen. Bürgermeister und Chefplaner nahmen sich Großes vor und brachten acht Gebietskörperschaften und 68 deutsche, belgische und niederländische Kommunen an einen Tisch. Noch nie zuvor haben so viele unterschiedliche Akteure aus der Drei-Länder-Region versucht, an einem Strang zu ziehen und grenzüberschreitende Projekte in die Tat umzusetzen. Aus 65 Vorschlägen wählte ein Arbeitskreis rund 40 Projekte aus, die es mit ein Fördervolumen von 132 Millionen Euro umzusetzen galt.

Schon zu Beginn der Planungsprozesse im Jahr 2003 zeigte sich die Komplexität der Aufgabe. Was viele damals schon ahnten, belegt nun auch eine Studie des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS): Die Euregionale war viel zu kompliziert und geprägt von abstrakten Begriffen, so dass ein eigenständiges Profil nur schwer erkennbar, geschweige denn kommunizierbar gewesen ist. Das in Aachen durch ein Bürgerbegehren zu Fall gebrachte Leuchtturmprojekt „Bauhaus Europa“ hat diese Aussage eindrucksvoll im Jahr 2006 vorweg genommen. Die abschließende Evaluation belegt nun, dass nur eine „regionale Planungselite“ und nicht die Bevölkerung mit den Ideen der Euregionale erreicht wurde.

Es gab zahlreiche Akteure aus Politik, Planung und Verwaltung, die von Anfang an Vorbehalte hatten, aber auch im Nachhinein der Meinung sind, dass die Euregionale viel zu politiklastig war.  So auch der Umwelt- und Stadtplaner Ajo Hinzen vom Büro für Kommunal- und Regionalplanung (BKR), das für das Projektmanagement bei einigen Großprojekten der Euregionale zuständig war. Hinzen findet, dass der Planungsprozess ein guter Ansatz war, um die trinationale Region auf der politischen Ebene zusammen zu führen.

Aber aus meiner Sicht ist es ein Defizit, dass man die anderen Ebenen, wie bürgerschaftliche Engagements oder die Fachleute auf der Planerebene, die auch sehr wichtig sind für einen Entwicklungsprozess, nicht in dem Maße einbezogen hat, wie es sinnvoll gewesen wäre. Da hat es 2008 tolle Festivitäten gegeben, ist der Funke dieser Veranstaltungen ja nicht
übergesprungen, so Hinzen.

Immerhin ist diese Kritik, dass die Öffentlichkeit für den gesamten Planungs- und Umsetzungsprozess kaum gewonnen werden konnte,  mittlerweile auch bei den Verwaltungs- und Politikspitzen in NRW angekommen.

Nach dem Auslaufen der Förderungen ist das über Jahre angesammelte Know-how der trinationalen Projektplanung in drei großen Papiercontainern verschwunden, was den Begriff der Nachhaltigkeit, der in jeder einzelnen Imagebroschüre hervorgehoben wurde, in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt. Stephan Baldin von der Aachener Kathy Beys Stiftung hat als Ur-Ideen-Geber des Euregionale-Projektes „Grünmetropole“ seine Erfahrungen gesammelt: „Hier ist nicht nur regionales Know-how versickert, so ein Umgang mit Wissensressourcen lässt an den Grundfesten unserer Verwaltung zweifeln.“ Das Projekt Grünmetropole entstand wiederum aus dem Wettbewerb „Industrielle Folgelandschaft“ und erschließt mit zwei touristischen Routen die ehemaligen Bergbaugebiete in der Euregio Maas-Rhein. Das gelungene Projekt findet mittlerweile internationale Anerkennung und wurde sogar mit mehreren Preisen ausgezeichnet, wie dem European Urban and
Regional Planning Award 2008 des Europäischen Rates für Raumplanung sowie 2006 mit dem Sonderpreis des Deutschen Städtebaupreises.

Mit Auszeichnungen können sich nicht viele der Projekte schmücken. Fakt ist eher, dass sich einzelne Akteure wahrlich übernommen haben, wie das Beispiel der Klangbrücke zeigt. Zwei Jahre nach der großen Initiierung steht die Klangbrücke zwischen dem Willy-Dohmen-Park und dem Naherholungsgebiet Wurmtal in Übach-Palenberg mit ihren vom Wind dirigierten Klangelementen still. Bauliche Querelen einerseits, bürgerliches Begehren gegen den zu erwartenden Musiklärm andererseits, ließen das einst als Highlight der Euregionale gepriesene Projekt zum Sorgenkind werden.

Ursprünglich  sollten an der weltweit einzigartige Brücke tausend Windspiele klingen. Nach Messungen am Modell und schalltechnischen Berechnungen musste radikal abgespeckt werden. So sollten lediglich 60 Windspiele erklingen, doch zurzeit hängt kein einziges. Auch das Stahlskelett wurde von ursprünglich 100 Tonnen auf nun 60 Tonnen Stahl verschlankt – das Budget wird derweil immer fetter: Rund 1,1 Millionen hat die nackte und unzugängliche Klangbrücke bislang verschlungen.


War die Euregionale mit dieser Vielzahl an Projekten und rund 150 Veranstaltungen vielleicht eine Nummer zu groß? War es zu idealistisch zu denken, 68 Städte und Gemeinden könnten etwas zur euregionalen Zusammengehörigkeit beitragen, die sich historisch noch nicht vollzogen hat?

Das abstrakte Konstrukt  Euregionale 2008 hat leider im Alltag der Bewohner der Region keine Spuren hinterlassen. Eher einzelne, herausragenden Projekte, wie der Indemann oder die Grünmetropole. Aber was ist bei diesen beiden Projekten anders oder besser gelaufen? Regina Dechering gibt einen ersten Erklärungsansatz:

Wenn ein Tagebau 80 Prozent der Planung des Gemeindegeschehens bestimmt, ist es ganz klar, dass man sich mit einem anderen Engagement einsetzt und mit einer anderen Betroffenheit kämpft. Mit Inden verbindet man ein Kraftwerk, Dreck, Staub und ein riesiges Loch. Aber das ist gleichzeitig unser größter Wirtschaftsfaktor, denn alles hängt hier vom Tagebau ab. Wir wollten weg von diesem dreckigen Image und hin zu einer Landschaft, die man gerne in seiner Freizeit besucht.

Eine weitere Erklärung liegt in der Bürgernähe, die während des gesamten Entwicklungs- und Umsetzungsprozess gesucht wurde. Bürgerbriefe, Versammlungen, Infomaterial und spezielle Veranstaltungen hielten konstant die Bevölkerung auf dem Laufenden. So fand das Projekt von Anfang an Akzeptanz bei den Bürgern, aber auch von Seiten der Politik, die Regina Dechering und ihr Team sehr sachorientiert und unbürokratisch unterstützte. „Ohne die Euregionale hätten wir den Indemann niemals gestemmt“, meint Dechering.

Vor allem aber hat der Prozess viele Leute dazu bewogen, umzudenken und in ihrem Arbeiten anders zu werden.

Veröffentlicht in: Klenkes – das Stadtmagazin Ausgabe 05/2010

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